Schwarmintelligenz und Next Generation Finance

Im Jahr der Piraten, das nun zu Ende geht und das wohl auch nicht noch einmal kommen wird, war „Schwarmintelligenz“ zumindest in IT- und politikaffinen Kreisen ein aussichtsreicher Kandidat für das Wort des Jahres. Dass der Begriff es dann doch nicht aufs Treppchen schaffte, gibt zu Hoffnung und Optimismus Anlass, denn der Begriff ist ein Unwort.

Intelligenz ist keine Kollektiveigenschaft. Es gibt nicht intelligente Völker, Volksgruppen oder Menschenansammlungen, sondern nur intelligente Individuen. Natürlich gibt es Gruppen, die sich aus intelligenten Subjekten zusammensetzen, genauso wie es auch Gruppen gibt, die aus weniger intelligenten Individuen zusammengefügt sind. Aber daraus abzuleiten, die Gruppen selbst seien intelligent oder eben nicht, ist falsch.

Nicht falsch ist es, die Entscheidungen von Gruppen unter dem Gesichtspunkt ihrer Intelligenz zu beurteilen. Der Maßstab ist dabei allerdings stets ein subjektiver.

Was ist nun von Social bzw. Next Generation Banking zu halten? Es gilt die in Psychologenkreisen weit verbreitete Wahrheit, dass Menschengruppen oder auch -massen regelmäßig erstaunlich gute Schätzungen abliefern und statistisch den Schätzungen von Individuen haushoch überlegen sind. Je größer die Stichprobe, desto besser die Schätzung.

Dies gilt allerdings nur solange, wie die Mitglieder dieser Gruppen nicht miteinander interagieren. Man darf also als gesichert annehmen, dass die Entscheidung von Gruppen, die aus solchen individuellen Entscheidungen zusammengesetzt sind, die wechselseitig unbeeinflusst sind, statistisch besser, sprich, zutreffender sind, als die Einzelentscheidungen ihrer Mitglieder. Beurteilt also eine next generation banking – Gruppe beispielsweise den Wert der Siemensaktie zum Zeitpunkt x, so wird dieses Urteil mit einer je nach Größe der Gruppe mehr oder weniger großen Wahrscheinlichkeit zutreffender sein, als das Urteil eines beliebigen Mitglieds dieser Gruppe. Soweit so gut.

Nun ist es aber ein nachgerade bestimmendes Merkmal von next generation finance, dass sich die Gruppenmitglieder intensiv miteinander austauschen. Die vergleichsweise hohe Objektivität des Urteils solcher Gruppen ist damit perdu. Das Gegenteil ist der Fall. Ginge es den Gruppenmitgliedern darum, ein möglichst wahrheitsgetreues Urteil über das Potenzial der von ihren Mitgliedern gehaltenen Aktien zu ermitteln, müssten sie sich einem Schweige- bzw. Schreibstoppgelübde unterwerfen. Genau das Gegenteil aber ist ihre Absicht.

Ist Next Generation Finance also Blödsinn?

Nein! Und jetzt wird es spannend: Solange die Gruppe darauf aus ist, ein empirisch zutreffendes Bild eines Sachverhaltes zu ermitteln, also etwas, das ganz oder relativ unbeeinflusst von den individuellen Interessen der Gruppenmitglieder ist, zu SCHÄTZEN, wird die soziale Interaktion der Gruppenmitglieder in der Tat dazu führen, dass das Urteil schlechter ist als es sein könnte, wenn sich die Mitglieder untereinander nicht austauschen würden. Eine in sozialen Netzwerken interagierende kleine Investorengruppe würde also angesichts des hohen Streubesitzes bei Siemens wahrscheinlich ein schlechteres Urteil über den Wert (und/oder das Potenzial) der Aktie treffen, als es der Gruppe möglich wäre, wenn ihre Mitglieder ohne vorherige Kommunikation untereinander einen Schätzwert abgeben würden, aus dem sich dann das zutreffendere Mittel ergeben würde.

Ein diametral entgegengesetzter Sachverhalt ergibt sich jedoch, wenn unsere Investorengruppe im Alleinbesitz der Siemens SE wäre. In diesem Fall hätte sie nämlich ein Interesse daran, den Wert ihrer Aktie möglichst hoch zu pushen. Die Gruppe würde nicht schätzen, sondern im Wege vermeintlicher Schätzungen dealen. Es wäre der Gruppe gar nicht möglich, einen verscuhsweise objektiven Wert zu schätzen. Das subjektive Interesse würde jeden Versuch einer distanzierten objektiven Schätzung im Keim ersticken – manipulieren.

Soziale Interaktion hätte in diesem Fall den Effekt der wechselseitigen Suggestion – metaphorisch gesprochen also den Effekt der Autosuggestion der Gruppe.

Da nun soziale Netze nicht abgeschottet nebeneinander existieren, sondern die Tendenz haben, sich auszubreiten, führt dieser Effekt dazu, dass der Wert der Aktien, die eine solche Gruppe im Portfolio hält tendenziell steigt – und zwar ironischerweise auch „objektiv“ steigt, weil der Maschendraht zwischen Substanz und Phantasie im Reich der sozialen Netze verdampft. Der Weg von unserem kleinen Investorenschwarm zum Schwarm ihrer Freunde und Freundesfreunde ist kurz.

Der Wertsteigerungseffekt ist dabei umso größer, je höher der Aktienanteil der originören Investorengruppe an einer bestimmten Gesellschaft ist.

Fazit: Als Wertsteigerungsinstrumente kluger Investoren weisen Facebook, Twitter & Co. noch nicht einmal im Ansatz ausgeschöpfte Möglichkeiten auf!

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TIMMS und der Deutsche Exportweltmeister

Dieser Tage darf man wieder stolz sein auf Deutschland. Boris Becker ist es wegen Angela. Und wir sind es, weil es uns gelungen ist, im oberen Drittel bei Lesen, Rechnen und vielleicht sogar Schreiben zu bleiben. Russland liegt vor uns. Asien und Amerika sowieso. Nur Afrika muss wohl noch etwas aufholen. Ich find das klasse. Der Exportweltmeister auf dem Weg in den demographischen Lebensabend konnte sich, bei leichten Verlusten, im oberen Drittel halten. Wozu da noch Zukunftssorgen haben?

Ich sehe den Exportweltmeister schon als Logistikhelden, wie er seltene Erden mit ehedem subventionierten, inzwischen etwas rostigen Schiffen von Asien nach Amerika transportiert, wo diese Erden dann zu Hochtechnogogiegütern verarbeitet werden, was in Deutschland nicht mehr geht, weil es hier zu teuer ist und weil hier die Schlüsselqualifikaationen, leider, leider, fehlen. Dafür gibt es, wie der Vorsitzende des Lehrerverbandes, Josef Kraus, dieser Tage im Deutschlandfunk verbreitete, eine hervorragende Sozialprognose für unseren halbqualifizierten Mittelbau, den es anderswo eben nicht gibt. Auf Deutsch: Wozu soll man studierfähig sein, wenn man sich mit Container schleppen, Kisten zuschrauben und Anker lichten auf einem HARTZ IV-fernen Niveau bewegt und sich zum Facharbeiter weiterqualifizieren darf?

So etwas wird dann in Singapur, China und Indien garantiert gefragt sein und dort wird man als Gastarbeiter auch garantiert willkommen sein. Der amerikanische Kontinent, wo es mit der Qualifikation  ja auch nicht sooo weit her ist, ist jünger und bevölkerungsreicher als Deutschland, weshalb die deutschen Hilfs- und Facharbeiter dort nicht so willkommen sein werden. Aber wo sind “Gastarbeiter” schon willkommen?

Freuen wir uns also darüber, dass allein im dritten Quartal 2012 das chinesische Gesamtinvestitionsvolumen in M&A, VC und Private Equity Aktivitäten in der Telekommunikations-, IT- und Softwarebranche laut einer aktuellen Studie von Skillnet bei 2,8 Mrd. US Dollars liegt. Der Anteil der Medienbranche liegt hier bei 7,7 Prozent, also bei gut 215 Mio. US $ liegt. Da wehen unsere Arbeitsplätze als Cargoweltmeister der Zukunft. In Deutschland dagegen weht die Zeitungspleite. Aber bestimmt werden wir eines Tages in der Lage sein, Wirtschaftsjournalisten zu Hafenarbeitern fortzubilden und nach Honkong zu exportieren. Oder?

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Monetization of F2P Games

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Schwarmintelligenz und Next Generation Finance

Im Jahr der Piraten, das nun zu Ende geht und das wohl auch nicht noch einmal kommen wird, war „Schwarmintelligenz“ zumindest in IT- und politikaffinen Kreisen ein aussichtsreicher Kandidat für das Wort des Jahres. Dass der Begriff es dann doch nicht aufs Treppchen schaffte, gibt zu Hoffnung und Optimismus Anlass, denn der Begriff ist ein Unwort.

Intelligenz ist keine Kollektiveigenschaft. Es gibt nicht intelligente Völker, Volksgruppen oder Menschenansammlungen, sondern nur intelligente Individuen. Natürlich gibt es Gruppen, die sich aus intelligenten Subjekten zusammensetzen, genauso wie es auch Gruppen gibt, die aus weniger intelligenten Individuen zusammengefügt sind. Aber daraus abzuleiten, die Gruppen selbst seien intelligent oder eben nicht, ist falsch.

Nicht falsch ist es, die Entscheidungen von Gruppen unter dem Gesichtspunkt ihrer Intelligenz zu beurteilen. Der Maßstab ist dabei allerdings stets ein subjektiver.

Was ist nun von Social bzw. Next Generation Banking zu halten? Es gilt die in Psychologenkreisen weit verbreitete Wahrheit, dass Menschengruppen oder auch -massen regelmäßig erstaunlich gute Schätzungen abliefern und statistisch den Schätzungen von Individuen haushoch überlegen sind. Je größer die Stichprobe, desto besser die Schätzung.

Dies gilt allerdings nur solange, wie die Mitglieder dieser Gruppen nicht miteinander interagieren. Man darf also als gesichert annehmen, dass die Entscheidung von Gruppen, die aus solchen individuellen Entscheidungen zusammengesetzt sind, die wechselseitig unbeeinflusst sind, statistisch besser, sprich, zutreffender sind, als die Einzelentscheidungen ihrer Mitglieder. Beurteilt also eine next generation banking – Gruppe beispielsweise den Wert der Siemensaktie zum Zeitpunkt x, so wird dieses Urteil mit einer je nach Größe der Gruppe mehr oder weniger großen Wahrscheinlichkeit zutreffender sein, als das Urteil eines beliebigen Mitglieds dieser Gruppe. Soweit so gut.

Nun ist es aber ein nachgerade bestimmendes Merkmal von next generation finance, dass sich die Gruppenmitglieder intensiv miteinander austauschen. Die vergleichsweise hohe Objektivität des Urteils solcher Gruppen ist damit perdu. Das Gegenteil ist der Fall. Ginge es den Gruppenmitgliedern darum, ein möglichst wahrheitsgetreues Urteil über das Potenzial der von ihren Mitgliedern gehaltenen Aktien zu ermitteln, müssten sie sich einem Schweige- bzw. Schreibstoppgelübde unterwerfen. Genau das Gegenteil aber ist ihre Absicht.

Ist Next Generation Finance also Blödsinn?

Nein! Und jetzt wird es spannend: Solange die Gruppe darauf aus ist, ein empirisch zutreffendes Bild eines Sachverhaltes zu ermitteln, also etwas, das ganz oder relativ unbeeinflusst von den individuellen Interessen der Gruppenmitglieder ist, zu SCHÄTZEN, wird die soziale Interaktion der Gruppenmitglieder in der Tat dazu führen, dass das Urteil schlechter ist als es sein könnte, wenn sich die Mitglieder untereinander nicht austauschen würden. Eine in sozialen Netzwerken interagierende kleine Investorengruppe würde also angesichts des hohen Streubesitzes bei Siemens wahrscheinlich ein schlechteres Urteil über den Wert (und/oder das Potenzial) der Aktie treffen, als es der Gruppe möglich wäre, wenn ihre Mitglieder ohne vorherige Kommunikation untereinander einen Schätzwert abgeben würden, aus dem sich dann das zutreffendere Mittel ergeben würde.

Ein diametral entgegengesetzter Sachverhalt ergibt sich jedoch, wenn unsere Investorengruppe im Alleinbesitz der Siemens SE wäre. In diesem Fall hätte sie nämlich ein Interesse daran, den Wert ihrer Aktie möglichst hoch zu pushen. Die Gruppe würde nicht schätzen, sondern im Wege vermeintlicher Schätzungen dealen. Es wäre der Gruppe gar nicht möglich, einen verscuhsweise objektiven Wert zu schätzen. Das subjektive Interesse würde jeden Versuch einer distanzierten objektiven Schätzung im Keim ersticken – manipulieren.

Soziale Interaktion hätte in diesem Fall den Effekt der wechselseitigen Suggestion – metaphorisch gesprochen also den Effekt der Autosuggestion der Gruppe.

Da nun soziale Netze nicht abgeschottet nebeneinander existieren, sondern die Tendenz haben, sich auszubreiten, führt dieser Effekt dazu, dass der Wert der Aktien, die eine solche Gruppe im Portfolio hält tendenziell steigt – und zwar ironischerweise auch „objektiv“ steigt, weil der Maschendraht zwischen Substanz und Phantasie im Reich der sozialen Netze verdampft. Der Weg von unserem kleinen Investorenschwarm zum Schwarm ihrer Freunde und Freundesfreunde ist kurz.

Der Wertsteigerungseffekt ist dabei umso größer, je höher der Aktienanteil der originören Investorengruppe an einer bestimmten Gesellschaft ist.

Fazit: Als Wertsteigerungsinstrumente kluger Investoren weisen Facebook, Twitter & Co. noch nicht einmal im Ansatz ausgeschöpfte Möglichkeiten auf!

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Substanz entscheidet nicht: Guttenberg, Issues Management und Private Equity

Heute Morgen begrüßte mich Gabor Steingart, der neue Chef des Handelsblattes, auf meinem BlackBerry wieder mit der Bitte, dem Blatt „gewogen“ zu bleiben. Ich tue dies gerne, denn schließlich wäre es schön, wenn Substanz eines fernen Tages tatsächlich entscheiden würde, wie der Claim des Blattes seinen Lesern weismacht. Tatsächlich tut sie genau das nicht. Substanz ist belanglos. Und das ist – sehr – schade.

Herr Steingart wies heute in seinem „MorningBriefing“auch darauf hin, in der Angelegenheit Guttenberg sei ja inzwischen – von jedem – alles gesagt worden. Wirklich?

Zwar drehten sich die Talkshows, Blogs und Tweets zuletzt immer wieder besonders um die Frage: Warum ist der Freiherr so populär, hat er sich doch offensichtlich unehrenhaft verhalten hat. Aber eine befriedigende Antwort ist bis heute nicht gefunden worden: Wie kann es sein, dass ausgerechnet jener Mann, der in seinen öffentlichen Reden rund um die Uhr Anstand, Haltung, Ehre und Ehrlichkeit für sich reklamiert, in seinem nicht ganz so öffentlichen Handeln genau diese Prinzipien auf eine schwer zu überbietende Weise verletzt? Und wie ist es möglich, dass die Öffentlichkeit daran überhaupt keinen Anstoß nimmt?

Die Chiffren Adel, Aussehen, Redegewandtheit greifen hier zu kurz. Was Guttenberg kann und was Westerwelle & Co. alle nicht können, ist das Simulieren von Unabhängigkeit, Eigenständigkeit, Authentizität. Freiherr zu Guttenberg simuliert, er würde und brauche nur mit Gott und seinem Gewissen vehandeln.

In unser aller Gemeinwesen sind Unabhängigkeit und Autarkie und damit auch die Authentizität, nach der ein jeder ruft, so selten, dass es eine schiere Labsal ist, sie personifiziert vor sich zu sehen oder zumindest zu imaginieren. Die übliche politische Sprache, das bekannte politische Handeln, die sichtbaren politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeiten aller politischen Akteure von einander sind für die meisten von uns deshalb so öde, weil sie unsere eigene persönliche Welt voll der Abhängigkeiten, der ständigen Kompromisse, der politisch korrekt bis zur Bedeutungslosigkeit entschäften Semantiken vorzüglich spiegeln. In dieser Welt “entscheidet” nicht oder selten “Substanz”; es entscheidet die Fassade von Substanz:

Ein Beispiel: Wenn mir als Mittlerfigur zwischen Private Equity und Zielunternehmen ein Fonds sagt, leider passe ein Unternehmen nicht so ganz ideal zu dem Investitionsfokus des Fonds, dann ist das sehr oft nachweislich ein Vorwand dafür, dass man sich am grünen Tisch nicht einig werden konnte. Es geht an diesem grünen Tisch also sehr oft nicht um die Frage, wie gut passt das Unternehmen x zu einem Fonds y, sondern es geht vor allem um die Frage, gönne ich meinem Konkurrenten oder meiner Konkurrentin in der Partner-/ Associates-Runde des Fondverwalters z diesen Erfolg oder mache ihm ihm den nicht besser kaputt? Schließlich habe ich Kinder zu versorgen, politische Ambitionen habe ich vielleicht auch und wer weiß, vielleicht will ich auch dissertieren. Bitte keine Häme hier :-) .

Will ich als Berater also ein Unternehmen platzieren, dann tue ich also gut daran, die Beziehungskiste der Fondsgesellschaften mindestens ebenso gut zu kennen wie zu wissen, nach welcher „Substanz“ eine Gesellschaft offiziell sucht. Und ich weiß nach Möglichkeit sehr genau, worauf mein Gesprächspartner bei besagtem Fonds tatsächlich “steht”. Im Vertrieb nennen wir das Bedarfsanalyse und eine gute Bedarfsanalyse ist der Schlüssel zu vertrieblichem Erfolg. Was Wunder, dass ich erstaunlich oft in dem Portfolio der Fondsgesellschaften Unternehmen finde, die überhaupt nicht in den verlautbarten Fokus dieser Gesellschaften passen, weder in den historischen, noch in den heutigen. Da waren eben gute Vertriebler am Werk oder “Einkäufer” und Dealmaker, die wussten, was gut für sie persönlich ist.

Vertrieb ist King – nicht Content. Dieser Sachverhalt regiert die ganze Welt – vollkommen bereichs- und branchenunabhängig. Deshalb ist es wohltuend, wenn ein Politiker als unser aller Spiegelbild nicht nur, wie alle Politiker, über Anstand redet, sondern auch so tut, als handle er „offen, ehrlich und transparent“. Und wenn sich dann herausstellt, dass er genau so wenig oder noch weniger anständig ist als wir, dann belügen wir uns lieber selbst, als dass wir zugeben, nicht nach dem Wahren, Schönen und Guten zu streben.

Dieser Tage konnte man – ebenfalls im Handelsblatt – lesen, die Macht der PR-Agenturen sei in den letzten Jahren enorm und durchaus gefährlich gewachsen. Ja, das ist so. Die Königsdisziplin der PR-Agenturen ist das Themenmanagement – „Issues Management“. Hier werden Klienten für sehr schöne Honorare darin beraten, ihre eigenen Themen so zu wählen, dass Medien nicht mehr umhin kommen, ebenfalls diese Themen zu wählen und besagte Klienten als erste Quellen zu zitieren. Freiherr zu Guttenberg ist ein Meister dieser Disziplin. Sanft aber entschieden bürstet er – gerne auch unter Zuhilfenahme mittelmäßiger aber populärer Rockgruppen – gegen den Strich des gemeinhin von Politikern Erwarteten, setzt neue oder vermeintlich neue Themen und macht sie zu seinen scheinbar ureigenen Themen, selbst wenn andere sie lange vor ihm erfunden haben (Stichwort Verkleinerung der Bundeswehr).

Nur wer wirklich nachdenkt oder sehr gründlich zuhört merkt, dass Guttenberg bei seinen öffentlichen Auftritten auf zugegebenermaßen sprachlich hohem, also adäquatem Niveau, mit dem Gestus des Bilderstürmers weitgehend hohles Zeug verzapft. Der Deutschlandfunk entlarvte unlängst die falsche Semantik des „Absurden“ und „Abstrusen“ in Guttenbergs Apologie seiner Dissertation. Und ich wundere mich, wie es kommt, dass bisher niemand daran Anstoß genommen hat, dass Freiherr zu Guttenberg sich selbst des Hochmuts zeiht – immerhin eine Todsünde (Guttenberg ist Katholik) – und dazu auf die ihm eigentümliche, vorgeblich demütige, bescheidene Art erläutert, er sei wohl auch nur ein Mensch und leider, wie er heute wisse, nicht zu der Quadratur des Kreises befähigt. Wie bitte? An der Quadratur des Kreises scheitert jeder Mensch – per Definition. Dass Guttenberg zugibt, dies überhaupt versucht zu haben, zeigt, wie selbstverliebt er tatsächlich war und ist: Auf einer JU-Veranstaltung würde er vielleich sagen: „Echt sorry, ey Leute, ich hab gemeint, ich bin der Herkules. War wohl ein Fehler.“ Wenn er heute demütig zu Protokoll gibt, er sei leider an der Quadraturhürde gescheitert, dann heißt das nur: „Ich bin nicht sooo viel besser als ihr, die ihr das ja erst recht nicht könnt… .” Negative Selling nennt der Vertriebler das. es kommt an.

Nein, Guttenberg ist vermutlich nicht viel besser und auch nicht viel schlechter als der Rest der Welt. Er ist nur der bessere Verkäufer. Und so wundert es nicht, dass er an Wahrheit und Wahrhaftigkeit gescheitert und trotzdem (oder deswegen?) everybody’s darling geblieben ist. In unserer Welt zählt Substanz schon lange nicht mehr, Herr Steingart. Was zählt, ist die Simulation von Substanz. Denn Substanz wird heute so selten erkannt wie Anstand und Ehrlichkeit. Wir sprechen nur häufiger davon.

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Mediocristan Amidst the Arab Revolutions

It’s queer but probably quite typical for us true aficionados to perceive every detail of the world with the eyes of our heroes.

For example, the other day I attended a venture capitalists’ gathering in Hamburg’s chamber of commerce. The chief economist of Hamburger Sparkasse, Germany’s largest and all in all quite successful savings bank presented his perspective on the short and medium term global economic prospects. His general outlook was very optimistic: Interest rates would remain low. Inflation risks would be minimal thanks to Jean-Claude Trichet. Growth perspectives would continue to be very solid. The gentleman is convinced that in 2011 and 2012 we will continue to see a steady and healthy growth rate above 2 per cent not only in Germany, but also in the US. Bernanke would continue printing money while China would continue to act as America’s bank…

After he was through I dared to ask, what would happen, should China one day decide not invest in the US economy anymore. His response amounted to acknowledging a distinct risk, which – however – nobody would seriously consider AS YET, since it would be impossible to assess the consequences.

Wow, I thought, and really could not help feeling reminded of NNT’s Black Swan: There we have a leading economist giving us his account of our future. And what does it amount to: Taking into account only “Mediocristan”. And this WHILE the Arab revolutions were taking place, which also not one single prominent soul in the western world had bothered to take into account even as a possibility.

If we plan our investments on the bases of bankers’ prognoses which deliberately overlook potentialities because they would make any plan appear obsolete, we might as well play Russian roulette, might we not? Our investments would in that case probably not be safer, but they could at least be vindicated in a more honest fashion.

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Why do we plan?

Nassim Nicholas Taleb (NNT):” The reader is entitled to wonder, so, NNT, why on earth do we plan? Some people do it for monetary gain, others because it’s ‘their job’. But we also do it without intentions – spontaneously.
Why? The answer has to do with human nature. Planning may come with the package of what makes us human, namely, our consciousness.” (NNT, The Black Swan, penguin books 2007, p.189)

Taleb goes on referring to the American epistemologist Daniel Clement Dennett (* 1942). Dennett holds planning to be coincidental with the human ability to “project conjectures into the future and play the counterfactual game … For Dennet our brains are anticipation machines…” (Taleb)

In the course of evolution our brains have become well equippped in counterfactual conjectures of the best case/base case/worst case scenario type. Sadly we have not yet reached a level which would allow us to anticipate, which scenario will actually become real. Taleb: “We have a natural tendency to listen to the expert, even in fields where there may be no experts.” (ibid.)

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